| letzte Kommentare / Ach, ach. All diese... monolog / .... und nach all... kopfherz / Oh, danke. Da freu... monolog / Öh, nö.... monolog / ... auch nach all... kopfherz / Sind Sie in Hamburg... arboretum / Super, ne? Ich hab... monolog / Ach, in der Luft... kid37 / Erledigt :) Da... monolog | |
![]() |
|
|
... neuere Stories
09
März
Prag, die zweite.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne, also beschließe ich, das gute Wetter für das versprochene Mitbringsel, ein Foto von Rabbi Löws (der mit dem Golem) Grab zu nutzen und mache mich auf den Weg zum alten jüdischen Friedhof. Ich rechne damit, um diese Zeit, immerhin ist es erst kurz vor neun, fast allein dort zu sein. Weit gefehlt, eine lange Warteschlange draußen, viele Menschen drinnen, die sich durch die Grabreihen schieben. Ich beschließe, für das zweifelhafte Vergnügen daran teilzuhaben die geforderten umgerechnet zwölf Euro Eintritt nicht zahlen zu wollen, Rabbi Löw hin, Gültigkeit der Karte für alle Synagogen und noch irgendeine Ausstellung her. Ich will nicht alle Synagogen besichtigen, Meister Trotz sagt also "Fort hier!". Als ich weiterlaufe, fängt es auch schon wieder an zu kübeln, also geht es mit einem kurzen Umweg über ein nicht weiter nennenswertes Café ins Museum des Kommunismus.
![]() Peinlich, und ein bisschen erschreckend auch, wie wenig ich von der jüngere Geschichte dieses gar nicht so weit entfernt liegenden Landes weiß. Glücklicherweise hat man auch dort allerlei Informationen in kleinen Häppchen aufbereitet, gerade so, dass der Tourist ansich nicht überfordert ist, das Ganze dann liebevoll mit Bildern, Fotos und Einrichtung untermalt. Ein Video zeigt Fernsehaus- und Amateurmitschnitte der samtenen Revolution, die beklemmende Atmosphäre eines aufgestellten Verhörzimmers lässt sich noch erahnen. Weil es noch immer regnet, als ich das Museum verlasse, beschließe ich etwas für mich Untypisches: Ich gehe shoppen, bzw. Läden anschauen. Außer einem Bata, das ich seit Jahren in Deutschland vermisse, stoße ich dort fast ausschließlich auf Geschäfte, die ich daheim ebenfalls vor der Nase habe. Unspannend. Zur vollen Stunde schaue ich mir das Spektakel an der astronomischen Uhr des Altstädter Rathauses an. Mit mir gaffen Hunderte, alle wie ich, Kopf nach oben und angestrengt nach dem Sensenmann Ausschau haltend (ich seh ihn nicht). Gestern abend war ich bereits auf die Werbung der Galerie Godot gestoßen, die aber geschlossen war. Heute ist sie geöffnet; kaum eingetreten, finde ich mich mit dem Galeristen in ein Gespräch über den Maler des Bildes, das ich zuallererst entzückt anstarre, verwickelt; außerdem erfahre ich, dass er selbst auch Maler ist. Aha. Ich überlege eine Weile, warum mir der Name des Malers so bekannt vorkommt, bis mir einfällt, dass in Russland ja gerade gewählt wurde. Andrej, nicht Dmitry. ![]() Kaum damit klar im Kopf, muss ich mit dem Galeristen darüber diskutieren, warum ich das Geld für den bereits reduzierten Sympathiepreis des tollen Bildes nicht habe, also auch nicht ausgeben kann und will und wieviel Geld ich zukünftig für Kunst auszugeben gedenke. So langsam werde ich genervt (scheint zum Dauerzustand zu werden). Bevor ich gehe, kaufe ich allerdings noch unter herablassenden Blicken des Galeristen das Galerieplakat mit dem traurigen Jungen, der mich sehr an jemanden erinnert, an den ich eigentlich nicht erinnert werden will, und zwei Drucke fürs Schlafzimmer, denn woanders kann ich die, ähnlich wie meinen Janssen, nicht hinhängen, ohne zart besaitete Besucher potentiell zu verschrecken. Belustigt nehme ich zur Kenntnis, dass die in den Bürgersteig eingelassenen Hinweisschilder für die silberne Route "Goldenes Prag" scheinbar aus Bronze gefertigt wurden. Ein Second-Hand-Laden lockt mit schöner Außenbemalung, entpuppt sich aber eher als Mottenkiste. Vintage geht irgendwie auch anders, wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja niemand, deshalb führe ich ein Blog. ![]() Die John Lennon-Mauer, einst Symbol für den Freiheitsdrang der Bevölkerung, von offizieller Stelle immer wieder überstrichen, wird dieser Tage der Sage nach noch täglich von Besuchern ergänzt. Heute ist freilich von John Lennon nichts mehr zu sehen. Fürs Abendessen, ein formidables Goulasch mit Klößen (natürlich!) und Rotkohl, folge ich einem Tipp und begebe mich in die Lucerna-Passage, die von der Bronzeplastik eines überkopf hängenden Pferdes, auf dessen Bauch ein Reiter sitzt, dominiert wird. Vom Goulasch und dem süffigen Schwarzbier namens Kosel wäre auch mein Opa sehr begeistert gewesen, der ein Faible für weiches Fleisch und passende Getränke hatte. Bereits jetzt bin ich ich wenig ratlos, was ich mit den restlichen Tagen, für die weiterhin Regen angesagt ist, anfangen soll - entweder ist die Stadt mir zu langweilig oder ich habe meine Fähigkeiten zum Enthusiasmus schon in Berlin aufgebraucht. Auf dem Rückweg ins Botel spiele ich modernes Vater, Mutter, Kind mit zwei Straßenfiguren. Leider ziehen Vater und Kind gerade aus, scheint mir. Ich greife ins Leere. Tja. Zur Sicherheit verschreibe ich mir selbst für den nächsten Tag ein Ausschlafen. Kann ja nicht schaden.
08
März
Postcards from Purgatory.
Und dann kehrt die Sprachlosigkeit zurück, wider den Wunsch, etwas, irgendetwas von Substanz zu sagen; etwas, das richtig klingt und auch ist, nicht nur eine durchscheinende Hülle um nichts als Leere.
Hand in Hand mit dem Wunsch geht aber die Befürchtung, wieder nur das Falsche zu sagen, zu denken, zu deuten. Mir fehlt mein Korrektiv - das, was mir sagt, was richtig ist und was falsch, was angemessen ist und was unangemessen. Es kam mir abhanden mit anderem, was mir wichtig war. Ich habe keine Ahnung, wo ich es wiederfinden soll, wo ich überhaupt suchen sollte. Oder könnte.
Prag, die erste.
Bereits der Hinflug ist alles andere als ein Vergnügen - während eine Vielzahl anderer Reisender die sturmbedingten Hüpfer und Absacker offenbar "total witzig" findet und dies juchzend in die Welt trompetet, bange ich zuerst um mein Leben, dann um den Inhalt meines Magens, bis mir einfällt, dass es aus Zeitmangel und Fehlplanung gar keinen Inhalt gibt, also bange ich schlussendlich doch wieder um mein Leben.
Froh, den Naturgewalten vorerst entkommen zu sein, mache ich mich mit einigermaßen festem Boden unter den Füßen auf in Richtung Botel - ein fest verankertes Hotelschiff auf der Moldau, was mir beim Buchen noch irgendwie reizvoll schien. Leider liegt die nächste Metro-Station ungefähr zwei unwegsame Kilometer durch Matsch, verlassene Parks und Tunnel, durch die selbst ich, der das gesunde Gefühl für Angst an passender Stelle vollkommen abgeht, nachts nicht allein gehen möchte, vom Botel entfernt (Warum habe ich das eigentlich beim Buchen nicht bemerkt?). Außerdem verlaufe ich mich, denn auch eine rudimentäre Straßenbeschilderung ist in diesem Teil Prags nicht vorhanden. Mittelmäßig angenervt denke ich noch Toll, es könnte ja jetzt noch anfangen zu regnen. Gedacht - geschehen. Danke. Fluchend schlage ich mir den dreckigen Koffer vor das bis gerade eben noch saubere Hosenbein, um dann festzustellen: 1. Alles Scheiße hier, 2. Ich bin verloren, aber sowas von, denn inzwischen befinde ich mich vor einem Straßenschild, das sich nicht auf meiner Straßenkarte befindet. Ich bin vom Rand der Welt gefallen, quasi. Also den ersten Passanten anhalten, nach dem Weg fragen, Hilfe bekommen. Später stelle ich dann auch fest, es fahren Bahnen bis fast direkt vors Botel, die keine Metro sind, sich demzufolge nicht auf meinem Metroplan befinden. ![]() Ich weiß nicht, ob Sie es schon (oder noch) wissen, aber ich bin ja gelegentlich etwas planlos, was im näheren Umfeld bereits zur Anrede als "Frau Verpeiltolog" führte; jedenfalls brachte mir diese Planlosigkeit einen ordentlichen Spaziergang mit nichtleichtem Gepäck ein, der vermeidbar gewesen wäre, hätte ich meine Hotelunterlagen (darum habe ich das beim Buchen nicht bemerkt, weil es noch nichts zu bemerken gab!) oder ein paar mehr Webseiten zum Prager Verkehrssystem gelesen. Stimmungshebend, das. Mein Zimmer im Botel liegt nach ein paar Verhandlungen auf der der Moldau anstatt der scheinbar örtlichen illegalen Müllabladestelle zugewandten Seite, vor meinem Fenster quaken Enten und die Sonne zeigt sich. Außerdem stinkt es im Zimmer nach Pisse. Die Laune erreicht atemberaubende Höhen. Schnell die Sachen verstaut und raus, die Stadt anschauen, denn dafür bin ich schließlich hier. Dank meines frischen Straßenbahnwissens erreiche ich meinen Startpunkt innerhalb von nur zehn Minuten, wo auch andere Touristen bereits Regen, Sturmböen und einer insgesamt eher unfreundlichen Atmosphäre trotzen: die Karlsbrücke; was mir bald aber zu ungemütlich wird, also ab ins Foltermuseum. ![]() Dort wird es angesichts der verschiedenen Foltergeräte zwar auch nicht so richtig gemütlich, aber es ist trocken, und die Gerätschaften sind durchaus interessant. Beim Lesen der Beschreibungen laufen mir kleine Schauer den Rücken herunter, und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Erfinder für ihre kreative Art des Quälens bewundern oder mich lieber fragen soll, wie krank ein Geist für derartiges sein muss. Anders als im Edinburgher Torture Museum sind die Gerätschaften hier allerdings in eher steriler Umgebung vor weißen Wänden ausgestellt, was ihnen weitaus mehr Wissenschaftlichkeit verleiht als dies in den dunklen Edinburgher Katakomben möglich gewesen wäre. Später denke ich über den Kauf von Glühwein und Punch nach, entdecke aber niemanden, von dem ich mich gern schlagen lassen würde, also weiter. Immerhin, nebenan gibt´s Sünde und Zukunft im Outlet Center. Ich erwerbe gleich ein paar mehr - also, Zukunften jetzt, denn man kann ja nie wissen. Und wenigstens sind sie hier preiswert zu kriegen, wann hat man das schonmal. ![]() Ich ertappe mich dabei, ausschließlich für ihn, denn niemand sonst würde es zu schätzen wissen, ein Foto zu machen, das er nicht mehr wird anschauen können, ihm eine SMS schicken zu wollen, die er nicht mehr lesen kann. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Im Restaurant namens "Solide Verunsicherung" esse ich in ebensolchem Zustand mangels greifbarer Alternative einen Burger und fange an, mich mit Gin Tonic zu betrinken, bis mir einfällt, dass ich ja noch was vorhabe: Den Weg ins Botel zurück zu finden nämlich. Also schaue ich mich nur noch ein bisschen um und beschließe, am nächsten Tag im Hellen nochmal genauer hinzuschauen, denn so schlecht sieht das hier dann doch alles gar nicht aus.
... ältere Stories
|